Magersucht?
Man schaltet den Fernseher an und sieht dürre Modells, die über einen Laufsteg laufen und schon ist klar, das es hier nicht um „Guccis neue Accessoires für den Herbst“ geht.
Immer wieder hören und sehen wir Beiträge zum Thema Magersucht. „Politiker X hat zum Thema Magersucht gesagt …“, „Das Modell X fiel entkräftet vom Laufsteg …“, so, oder so ähnlich berichten Medien ständig über eine Krankheit, die alles andere als einfach in Behandlung und Diagnose ist.
Hier einige Aspekte, die man bei der Beurteilung dieses Themas beachten sollte. [...]
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Stigmatisierung
Ein bedenklich ernstes Gefühl bei jedem Suchtkranken, ist das Gefühl der Ausgrenzung. Menschen die unter einer Suchtkrankheit leiden, gelten häufig als charakterschwach, als weinerlich und werden mit kleinen Kindern verglichen.
Dabei gilt: Je mehr Aufmerksamkeit ein Thema bekommt, desto größer ist der Ausgrenzungs-Faktor der Betroffenen. Je mehr über ein Thema geredet wird, desto mehr werden die Betroffenen bemitleidet, oder schlimmer: Desto mehr wird über die Betroffenen hergezogen.
Die Bildung eines Stigmas, oder auch nur einer erhöhten Aufmerksamkeit auf das Thema Magersucht, wie es momentan durch Medien und Politik betrieben wird ist meiner Ansicht nach ein schwerwiegender Fehler.
„Die armen hilflosen Magersüchtigen“ ist kein Hilfsansatz, sondern eine grobe Behinderung bei der Bewältigung einer tatsächlichen Sucht. Übertriebene Hilfsangebote, wie sie momentan in aller Munde sind, führen selten zu sinnvollen Lösungsansätzen und verschärfen häufig die tatsächlichen Probleme (s.u.).
- Krankheit
Hier ist meiner Ansicht nach der schwerwiegendste Fehler bei der Magersucht-Debatte zu finden.
Ein Mensch gilt als emotional oder psychisch krank, wenn er sich oder seiner Umwelt durch sein Verhalten schadet (stark vereinfacht). Und hier ist nicht gemeint, dass er seine Umwelt möglicherweise negativ beeinflusst (dann wären sicherlich auch viele Medienvertreter und Politiker psychisch krank, oder?). Nein, ein psychisch Kranker schadet sich oder seiner Umwelt direkt und zwar durch sein krankhaftes Verhalten.
Wenn ich das gerade gesagte betrachte, will mir nicht in den Kopf, warum man Modells, die auf einem Laufsteg sind mit der ernsten Krankheit Magersucht in Verbindung bringt.
Jetzt höre ich schon die Stimmen: „… aber die Modells sind der Grund der Magersucht.“ Einfache Antwort: Nein! Der Grund für die Magersucht, so wie für jede Form von psychischer Krankheit ist vielschichtig und nicht auf eine oder auch nur wenige Ursachen zurückzuführen und: Wenn man schon die Modells für die krankhafte Veränderung verantwortlich machen will, dann sollte man das doch zumindest differenziert tun: Nicht Heidi Klum ist (im höchsten Falle mit-) verantwortlich für Magersucht, sondern überkommene Schönheitsideale, die gerade von wem hauptsächlich geprägt werden? Na ich schätze, dass ich das nicht noch extra schreiben muss, oder (Nein, die Politik ist es nicht!)?
Aber zurück zu den Magersüchtigen:
Liebe Teenager, die ihr vielleicht ein wenig dünner geraten seid als alle anderen. Bitte seht euch nicht gleich als psychische Wracks an. Ob ihr magersüchtig seid, oder nicht, das ist nicht so einfach. Immer bedenken: Wenn ihr euch gut fühlt, dann seid ihr zunächst mal nicht krank, sondern nur dünn und das vergeht in der Regel mit dem erwachsen werden (schaut einfach die Mama und den Papa an, hihi!).
Wenn ihr allerdings tatsächlich Bedenken habt wegen eures geringen Gewichts (oder euch schlichtweg unwohl fühlt), dann wendet euch an einen Spezialisten für Suchtkrankheiten, in jedem Falle aber an eure Eltern (das wird schon nicht so schlimm, Augen zu und durch)! Und liebe Eltern, der Hausarzt ist weder in der Lage eine Magersucht zu diagnostizieren, noch kann er sie behandeln (Ja das ist meine Überzeugung!). Die richtigen Ansprechpartner hierfür sind Suchtberatungsstellen und Psychiater! (Telefonbuch, Google, … , in jedem Falle nur Spezialisten, Psychiater etc. . Keine Selbsthilfegruppen etc. für die Erstbehandlung/Diagnose, die können später helfen, wenn die Krankheit bereits behandelt wird, oder vielleicht gute Adressen liefern!)
- Aufmerksamkeit
In welchem Alter treten die meisten Magersucht-Fälle auf? Nun, daran gibt es wohl keinerlei Zweifel, denn obwohl es auch Magersucht bei älteren Menschen gibt, handelt es sich dabei in der Regel um verschleppte, unbehandelte Fälle.
Schauen wir genau hin, dann findet sich Magersucht bei jüngeren weiblichen Menschen am häufigsten.
Warum? Na wer das weiß, der hat doch sicher auch schon eine völlig einfache Idee, wie man so etwas wie Magersucht für immer aus der Welt schaffen kann und erfindet am nächsten Tag die Antiatombombe und hat übermorgen die Idee, die alle Menschen dazu bringt sich zu lieben, … .
Wir können nur mutmaßen und es liegt nahe (vielleicht viel zu nahe?), dass an weibliche Menschen andere Ideale gesetzt werden als an männliche. Frauen müssen schön sein, Männer nicht. Aber müssen ältere Frauen nicht auch schön sein? Warum treten die meisten Fälle von Magersucht im Teenager-Alter (durchschnittlich bei etwa 20 Jahren, also bis dahin unbehandelt) auf? Auch hier wieder nur Mutmaßungen: Junge Menschen sind psychisch und sozial noch nicht so gefestigt und sie leben selten in einer festen Partnerschaft, was einen Drang „schöner“ zu sein möglicherweise erklären könnte.
Einfach? Sicherlich! Zu einfach? Weiß ich nicht! Aber es kann sicher nicht schaden seinen Mitmenschen ab und zu mal zu sagen, was man von ihnen denkt: Ich kann nur sagen, dass bei mir ein Mensch, der bei allen anderen als „schön“ gilt selten auf größere Sympathie stößt, weil ich Schminke und schicke Klamotten alles andere als schön finde. Die Geschmäcker sind halt verschieden und jeder Mensch ist schön auf seine ganz eigene Art. Auch wenn ich zugebe, dass ich persönlich schlanke Frauen bevorzuge, heißt das doch noch lange nicht, dass ich magersüchtige Frauen schön finde! Aber wie schon gesagt: Diese ganze Schönheitsideal-Erklärung ist alles in allem zu einfach!
Ich finde dagegen vor allem auffällig, dass es auch viele andere psychische Krankheiten gibt, die sich im Teenager-Alter entwickeln.
Bei vielen dieser Krankheiten wird Aufmerksamkeit als einer der maßgebenden Antriebe angesehen. Viele Menschen flüchten sich in Krankheiten, um Aufmerksamkeit und Liebe zu erfahren, wie sie es aus der Kindheit gewohnt sind, oder einfach nur um etwas praktisches zu erreichen, z.B. nicht zur Schule/Arbeit zu müssen. Meine Frage: Warum sollte die Magersucht hier eine Ausnahme darstellen?
Wenn meine Annahme stimmt, dann werden die Medien und Politiker das genaue Gegenteil ihres eigentlichen Ziels erreichen (besser: wovon wir mit all unserem guten Willen annehmen das sie es erreichen wollen!). Mehr Aufmerksamkeit durch Medien und die Öffentlichkeit führt (möglicherweise) zu mehr Magersüchtigen. Und wer das jetzt als gemachte Tatsache verkaufen will, der sollte den Artikel nochmal ganz von vorne lesen. Wer dagegen mehr Magersüchtige als etwaiges Risiko bewußt in Kauf nimmt, und zwar egal wofür auch immer, der sollte sein Gewissen besser beim TÜV vorbeibringen.
- „Dick sein, Alkohol, Zigaretten, ‘Workaholic’ , Kaufsucht, … alles ganz normal“
Unsere Gesellschaft wird immer dicker, trinkt immer mehr Alkohol, Zigaretten werden mit schwersten Geschützen und keineswegs höchstem Erfolg verbannt, die Leute arbeiten immer mehr und kaufen was das Zeug hält und ich habe das dumme Gefühl, dass dies und einige andere „NoGoes“ von unseren Medien und unserer Politik höchst erfolgreich verdrängt wird. Nun, die anderen Suchtkrankheiten, auf die ich hier anspiele gehören hier wohl nicht wirklich hin.
„Dick sein“ und Normalität ist meiner Ansicht nach dagegen eindeutig Thema dieses Artikels. Viel mehr Menschen in unserer Gesellschaft sind deutlich zu dick, als Menschen in unserer Gesellschaft deutlich zu dünn sind. Das postuliere ich hier einfach ungesehen, denn dazu brauche ich nur auf die Straße zu gehen, mich umzuschauen und keine wissenschaftliche Studie zu verfassen.
Warum aber immer wieder der Medien- und Politik-Hammer auf die Magersucht? Warum die erhöhte Aufmerksamkeit auf die Magersüchtigen und nicht die Aufmerksamkeit auf die dicken Menschen in unserer Gesellschaft.
Nun die Sache ist einfach, denn nach Ansicht der Medizin schadet sich ein dicker Mensch weniger als ein Magersüchtiger, wobei eine entscheidende Tatsache vergessen wird: Ein magersüchtiger Mensch ist nicht dünn sondern Mangel-Ernährt! Ein Modell, dass ganz normal seiner Arbeit nachgeht und damit dünn sein muss, sich aber nicht schadet, ist zunächst mal nicht magersüchtig, sondern dünn. Und es gilt auch: Ein entsprechendes Gegenstück zu einem Magersüchtigen ist ein Fettsüchtiger und nicht einfach ein dicker Mensch. Wer diese Aspekte von krankhaftem und gesundem Verhalten durcheinanderbringt, der hat das Problem nicht erfasst und sollte besser die Finger vom gesamten Thema lassen.
Dennoch: Wie kommt es, dass in der Behandlung durch Politik und Medien die Magersüchtigen viel mehr Aufmerksamkeit bekommen als Fettsüchtige, die genau so mit ihrem Leben spielen?
Diese Tatsache liegt für mich ganz klar: Weil es in unserer Gesellschaft so viele dicke Menschen gibt, ist jeder dünne Mensch anders. Jeder Abstinente ist in einer Gesellschaft von Biertrinkern außergewöhnlich! Wer wenig arbeitet ist faul und wer nichts kauft ist wahrscheinlich arm! Ergo: Alkohol trinken ist normal, kaufen ist normal und und und. Und das stimmt ja auch bis zu einem gewissen Punkt, an dem solche Verhaltensweisen „krankhaft“ werden. Das gilt natürlich auch für das dünn sein (s.o.)!
Aber warum geht unsere Gesundheitsministerin nicht so Gewissenhaft gegen Alkoholismus, Fettsucht und so weiter, vor?
Ich mutmaße mal wieder: Wenn ich ein wenig stämmiger (freundlich ausgedrückt) bin, gerne mal ein Glässchen trinke, viel arbeite und große Teile meines Geldes für Schuhe ausgebe, … . Naja, man könnte auch auf ein altes Sprichwort verweisen: „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, oder?
Vielleicht sollten wir das auch einfach „Aufmerksamkeitsdefizit“ nennen und damit gleich mit der „psychische Krankheit“-Keule zurückschlagen?
Nicht vergessen: Magersucht ist eine schwere Krankheit, und: Sie ist zu schwer um sie für Medienkampagnen und politische Wichtigtuerei zu missbrauchen. Wer meint sich als Laie in die Behandlung schwerwiegender psychischer Probleme einmischen zu müssen handelt in gröbster Weise verantwortungslos. Wer Magersucht zur Schlagzeile reduziert macht sich selbst zum Mitschuldigen. Wer mit dem Leid anderer Menschen Geld verdient, ob als Arzt, oder als Medienvertreter, oder seine Macht erweitert, der ist schlicht und einfach ein schlechter Mensch!
Liebe Grüße,
Thorsten
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